Kunst ist Sprache und gute Bilder sprechen deutlicher – auch zu Kindern!
Bildende Kunst ist Kommunikation, die visuell, manchmal auch taktil erfahrbar ist und mittels Farben, Formen, Materialien und Strukturen, Inhalte aufnimmt und vermittelt. Oft gelingt es dabei Werken der bildenden Kunst, ihre Betrachter emotional zu erreichen, wo Worte nicht weiter kämen. Gleichzeitig ist das Bild unverzichtbarer Übermittler rationaler Informationen, wie in zahlreichen Anleitungen und Lehrbücher nachvollzogen werden kann, die ohne Bilder oft vollkommen unverständlich wären.
Erreichen selbständige Kunstwerke auch Kinder in besonderer Weise? Ja. Als meine Tochter gerade ein Jahr alt war, nahm ich sie zum ersten Mal in eine Ausstellung mit. Es war die Schau Sprachspiel → ZEICHnung mit Susanne Haun. Da Susanne Haun in der Regel gegenständlich zeichnet, hatte ich gehofft, meiner Tochter einige Tiere zeigen und sie so bei der Stange halten zu können. Nicht erwartet hatte ich, das anhaltende Interesse, welches sie an der Ausstellung entwickelte. Immer wieder verlangte sie in den folgenden Wochen, mit mir in die Ausstellung zu gehen, die Bilder zu betrachten und darüber zu sprechen. Ein Lieblingsbild hatte sie auch bald gefunden. Es zeigt einen Schneegeier mit geöffneten Schwingen, den meine Tochter als Papagei las und immer wieder besuchen wollte.

Schneegeier – Zeichnung von Susanne Haun – 24 x 32 cm – Tusche auf Bütten (c) Susanne Haun.

Ein Jahr darauf waren wir wieder in einer Ausstellung, diesmal in der sehr vielfältigen Gruppenausstellung RaumZeitBegegnung – Geben. Nehmen. Wachsen. Die Exponate kamen von Künstlern und Laien, waren mal abstrakt, mal gegenständlich, bunt oder monochrom. In drei und zwei Dimensionen waren unterschiedlichste künstlerische Techniken zu bestaunen. Auch in dieser Ausstellung waren wir mehrmals – manchmal allein, manchmal in Begleitung. Auch hier fand meine Tochter bald ihr Lieblingsbild. Interessanterweise war es keines der vermeintlich kinderaffinen Bilder mit Tieren u. Ä., sondern eines des komplexesten, wichtigsten und auch besonders deutungsbedürftigen Werke der Ausstellung.

Flucht – Gemälde von Bernd Demmig – ca. 70 x50 cm (c) Bernd Demmig.

Das Bild „Flucht“ von Bernd Demmig zeigt Jesus Christus am Kreuz vor einer zum Teil brennenden, zum Teil von Leichenteilen und Dämonen bevölkerten Landschaft. Im Vordergrund links neben dem Kreuz stehen zwei in schwarze Mäntel gehüllte Personen, die wegen der Lanze in der Hand des einen als römische Soldaten gedeutet werden können. Rechts steht leicht abgewandt eine nackte Frau (Maria Magdalena). Der Titel des Bildes ist im Bild als Schild am Kreuz dargestellt.
Bernd Demmig hat Jesus Christus in diesem Bild nicht nur als Typus des Gekreuzigten in Szene gesetzt, sondern ihn auch in der Rolle eines Geflüchteten dargestellt, der im Verlauf seiner Flucht gefangen genommen und zum Tode verurteilt wurde. Das im Jahr 2016 entstandene Bild ist ein Kommentar und eine Mahnung über menschenwürdigen und menschenfreundlichen Umgang mit geflüchteten Menschen.
Mit meiner Tochter habe ich viele Male vor diesem Bild gestanden und versucht ihre vielen Fragen und ihre Durst nach Geschichten zu beantworten. Wir haben über die Person und das Leben Jesu Christi gesprochen, über Nägel, Verletzungen und Blut, über das Töten und die Frage nach dem Warum und auch sehr viel über Liebe und Trauer. Im Gespräch mit einer Zweijährigen ist es zugegeben nicht immer leicht, für diese Themen verständliche Worte zu finden, ihr Interesse daran war aber gewaltig und sie hat sie sich im Verlauf der wiederholten Bildbetrachtung, Bildbeschreibung und Erzählung auf ihre Weise erschlossen.
Die besonders anschauliche Qualität des Bildes hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Bis heute spricht meine Tochter aus der Erinnerung darüber, wenn wir zum Beispiel in einer Kirche sind und dort eine Darstellung des Gekreuzigten sehen.

Wer mehr über den Künstler Bernd Demmig erfahren möchte findet hier einen Artikel, welcher auch eine Fotografie des besprochenen Bildes in seiner Entstehung beinhaltet. Darüber hinaus ist der Eichhörnchenverlag gern bereit, einen persönlichen Kontakt herzustellen.

Kunst und Kinder – Warum gehört das zusammen?

2 Gedanken zu „Kunst und Kinder – Warum gehört das zusammen?

  • 8. März 2017 bei 8:47
    Permalink

    Liebe Nina,
    ich denke, du führst deine Tochter auch an die Kunst heran. Eltern haben Vorbildfunktion und dein Interesse interssiert auch dein Kind. Ich wünschte, mehr Eltern würden ihre Kinder so wie du an die Kunst heranführen.
    Danke für das Zeigen meines Schneegeiers 🙂
    Liebe Grüße von Susanne

    Antwort
    • 8. März 2017 bei 12:25
      Permalink

      Liebe Susanne,
      das stimmt natürlich, aber wichtiger als alle Kunstwissenschaft (in meiner Brust) ist trotzdem die ganz einfache Lust am Sehen und am Sprechen über das Gesehene!
      Herzliche Grüße sendet dir Nina

      Antwort

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