Ich stieß vor kurzem auf einen Artikel der Wissenschaftsjournalistin Olivia Campbell, in welchem sie, ausgehend von ihrer persönlichen Erfahrung mit ihren Kindern, die historische Entwicklung von Kinderbüchern im Allgemeinen und Pappebüchern für Babys und Kleinkinder im Besonderem nachzeichnet.
Der Artikel ist gut geschrieben, interessant und unbedingt empfehlenswert und er schließt mit der Bemerkung, Pappebücher gäben Babys und Kleinkindern Gelegenheit, Bücher in einer sicheren Umgebung kennenzulernen.
„What’s unique about board books is that they offer a chance to introduce babies and toddlers to the physical properties of books in a safe environment—“they can touch without fear of paper cuts,” Kaplan says. “Board books invite caregivers to give babies an opportunity to explore something they’ll be using their whole life.” “

Der Begriff „sichere Umgebung“ in diesem Zusammenhang hat mich zunächst irritiert, auch weil eine leichte Note der Angst, das Buch könne dem Kind etwas antun, darin mitschwingt. Vertrauter ist mir das Konzept der „vorbereiteten Umgebung“, einem Konzept, dass aus der Montessoripädagogik kommt. Bei der „vorbereiteten Umgebung“ geht es darum, dem Kind entsprechend seinen individuellen Bedürfnissen einen Raum zu geben, in welchem es sich frei entfalten und entwickeln kann, in welchem es Anregungen und Materialen finden kann, sich auszuprobieren und – ja – in welchem es sich gefahrlos bewegt. Sicherheit spielt also auch hier natürlich eine Rolle.
In Bezug auf Bücher und besonders die Konzeption von Pappebüchern gibt es verschiedene Sicherheitsaspekte, die berücksichtigt werden müssen. Manche betreffen die Sicherheit des Kindes, andere die des Buches. Im Artikel werden Papierschnitte als potenzielle Verletzungen durch Papierbücher genannt, es ist allerdings auch ein guter und vielleicht auch verbreiteterer Grund Babys und sehr kleinen Kindern keine Papierbücher zu geben, weil sie diese schlicht zerstören, also zerreißen, zerkauen, bemalen… würden. Wir schützen auch das Objekt Buch.

Pappebücher sollen also in vielen Bereichen Sicherheit gewähren, aber sie sollen vor allem Bücher sein, die genau dafür da sind, erkundet, erforscht und eben auch erfühlt und erschmeckt zu werden.

Für den Eichhörnchenverlag habe ich schon vor längerer Zeit eine Liste mit Überlegungen über die physische Beschaffenheit der Bücher, die bei uns erscheinen sollen, erstellt. Sie ist geprägt von genau diesen oben angesprochenen Kriterien der Sicherheit der Kinder bei gleichzeitiger Handhabbarkeit und Erforschbarkeit der Bücher für die Kinder. Auf der DO-Seite stehen ganz vorn stabile Seiten, also Pappeseiten, handliches Format (Landtiere wird ein Format von 160 x 210 mm haben, was in etwa auch das Maximum ist), klare Farben, klare Formen, ungiftige und verträgliche, auflösbare Papiere, Farben und Beschichtungen. Auf der DON’T-Seite stehen alle Arten von Applikationen (z. B. Glitzer oder Wackelaugen), Pop-Ups, Klappen und Auszüge. All diese DON’Ts haben gemeinsam, dass sie in Kinderhänden und Kindermündern leicht kaputt gehen. Womöglich sind sie dann eine Gefährdung für die gesundheitliche Sicherheit des Kindes, in jedem Fall aber hat das Buch dann einiges an seiner Funktion und Bedeutung eingebüßt und das ist doch mindestens schade.

Vor Papierschnitten habe ich mich für meine Tochter übrigens nie gefürchtet. Ich habe ihr immer gern alte Taschenkalender und ähnliches gegeben, damit sie daran „richtiges“ Papier erkunden und ihre Lust am Reißen und Bücher bemalen ausleben konnte. Inzwischen ist sie 3 Jahre alt und pragmatischen, dabei aber liebevollen und achtsamen Umgang mit Büchern haben wir mittlerweile gemein.

Nachfolgend habe ich noch zwei Bücher für euch rausgesucht, die ich als Kind (und immernoch) sehr liebte, an welchen aber auch nachvollziehbar ist, weshalb Klappen, Pop-Ups etc. für kleine Hände schwierig sind.

Eines davon habe ich euch hier schon einmal vorgestellt.

 

Peter Stevenson

Eva Spaeth

„Viele Mäuse sind versteckt. Wer hat sie zuerst entdeckt?“

Siebert Verlag

1987 Waldkirchen

 

Jan Pienkowski

„Kleine Monster“

ars edition

1992 München

 

 

…und hier noch der besprochene Artikel:

Olivia Campbell

„The History of the Bendable, Durable, Chewable Board Book. Children’s Literature was Once All Work and No Play“

Literary Hub (lithub.com)

21. July 2017

Online im Internet: URL: http://lithub.com/the-history-of-the-bendable-durable-chewable-board-book/

[Stand: 04. August 2017]

Über die physischen Voraussetzungen von Pappebüchern
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4 Gedanken zu „Über die physischen Voraussetzungen von Pappebüchern

  • 4. August 2017 bei 13:11
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    Liebe Nina,
    ich denke, die Angst bezieht sich nicht darauf, dass das Buch dem Kind etwas antun könnte, sondern eher, dass das Kind das Buch kaputt machen könnte. Ich erinnere mich, dass meine Ex-Schwiegermutter (Oma von Julian) Julian immer damit traktierte, er solle vorsichtig mit den Büchern umgehen. Also mitnichten Scheren oder ähnliches an Taschenkalendern probieren.
    Ich selber habe mich lange damit auseinander gesetzt, ob ich meine Bücher mit Bleistift, Textmarkern oder ähnliches traktiere. Ich tue es! Und ich fühle mich wohl dabei, ich finde so immer die für mich wichtigsten Stellen.
    Liebe Grüße von Susanne

    Antwort
    • 7. August 2017 bei 15:16
      Permalink

      Liebe Susanne, liebe Anne,
      vielen Dank für eure klugen und spannenden Kommentare. Es ist sehr interessant in ihnen gespiegelt zu bekommen, wie ausgesprochen bedeutsam jede unserer individuellen Erfahrungen für unsere Sicht auf die Dinge und auch ihre Bewertung ist! Meine eigene Herangehensweise an das Thema Buch in Kinderhänden ist vielleicht eher der von Susanne geschilderten Mentalität nahe. Auch ich habe inzwischen jedoch gelernt, dass Bücher – in welcher Hand auch immer – Gebrauchsgegenstände sind und kann die Spuren, die sich im Lauf ihrer Dauer in ihnen sammeln als Zeugnisse ihrers Gebrauchs und ihrer Geschichte sehr schätzen. Umso spanneder fand ich es, den Blick einer mit Fragen des Sicherheitsmanagements vertrauten Ingenieurin geschildert zu bekommen! Mit Sicherheit hast du Recht, liebe Anne und oft genug kommt es dümmer, als man denkt. Angst ist wohl trotzdem kein guter Ratgeber – Achtsamkeit aber schon! Meine Taschenkalender haben übrigens alle abgerundete Ecken! 😉 …und das Pappebuch „Landtiere“ auch.
      Ich sende euch herzliche und sonnige Grüße nach Berlin!
      Eure Nina

      Antwort
  • 4. August 2017 bei 17:52
    Permalink

    Liebe Nina,
    ja – tatsächlich – ich schreibe dir einen Kommentar zum Thema Sicherheit :)) Für mich steht die Sicherheit des Nutzers (Babys) im Vordergrund-Warum?
    Sicherheit spielt in meinem Arbeitsleben eine wichtige Rolle – unser Ziel sind „null Unfälle“.
    Um so ein Ziel zu erreichen, muss man sich systematisch und konsequent damit beschäftigen.
    Man macht eine Gefährdungsbeurteilung/ Risikobetrachtung: hier werden Verletzungsrisiken ermittelt, die beim Umgang (Nutzung, Tätigkeit) mit dem Objekt (bei uns z.B. die Maschine oder ein Werkzeug – bei dir das Buch) vorhanden sind.
    Man findet ein Risiko
    – man beurteilt die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall eintritt und ggf. Häufigkeit
    – und die Bedeutung (ist die Schwere der Verletzung bei Auftreten des Risikofalls)
    – man sucht nach Möglichkeiten, das Risiko auszuschließen oder mindestens zu reduzieren.
    (diese Betrachtungen schließen auch immer menschliches Verhalten wie z.B. die Unachtsamkeit bei Routine ein, man versucht, die Dinge möglichst Idiotensicher zu gestalten)

    Schönes Beispiel ist das Anschnallen im Auto: Du brauchst den Gurt eigentlich nie – bis du einen Unfall hast (Auftretenswahrscheinlichkeit extrem gering – Schwere bei Eintritt extrem hoch bis hin zum Tod). Konsequentes Anschnallen reduziert das Risiko einer schlimmen Verletzung durch einen Unfall.

    Im Falle des Buches ist das Risiko der Schnittverletzung genannt – hier muss man aber sehr genau die Tätigkeit des Nutzers (Babys ab 6 Monate) betrachten – Schnittverletzung an Händen, Armen, Beinen – durchaus denkbar beim Hantieren, auf dem Rücken liegend, mit dem Buch sich drehen…
    Die Bedeutung – naja, man freut sich nicht darüber aber es ist nicht wirklich schlimm.
    Aber da sich ein Baby anders als wir mit dem Buch bewegt, sich versteckt, das Buch dreht, mit dem Buchkörper hantiert und auch das Sehen noch anders ausgeprägt ist als bei Nutzern ab 3 Jahren, ist auch das Risiko einer Schnittverletzung am Auge vorhanden – sicher weniger wahrscheinlich als der Schnitt an Finger und co. aber die Schwere/ Bedeutung ist im Eintrittsfall sehr hoch einzuschätzen, weil es bleibende Schäden geben kann (wir hatten einen Unfall im Betrieb – ein Mitarbeiter hat sich das Auge an der Kante eines offenen Kartons geschnitten beim Bücken nach einem Gegenstand – die Kartonkante war dabei nicht in seinem fokussierten Sichtfeld – er war lange krank und hatte Glück, dass das Auge keinen bleibenden Schaden hatte).

    mein Fazit: Wenn das Buch für Babys ab 6 Monate verkauft wird, muss der Umgang auch ohne Beaufsichtigung möglichst sicher sein – das ist es mit den Pappseiten.
    Als Nutzer (Käufer) eines Produktes verlasse ich mich darauf, dass es für die Anwendung geeignet und sicher ist (dafür gibt es viele Gesetze, Normen, Prüfsiegel usw., so dass der Nutzer sich nicht darüber so viele Gedanken machen muss und soll – meine Erwartung an ein Produkt ist im Allgemeinen schon, dass es sicher bei Gebrauch ist).

    Auch die Sicherheit des Produktes (Buches) hat eine Bedeutung (wobei diese eher subjektiv ist) – ja – es hängen ja ideelle und auch materielle Werte daran – diese Sicherheit lässt sich aber gut durch den Umgang/ die Anwendung und das Nutzerverhalten beeinflussen.

    Mit großer Sicherheit freue ich mich, wenn das Buch endlich da ist!!!

    Liebe Grüße von Anne

    Antwort
    • 7. August 2017 bei 15:16
      Permalink

      Liebe Susanne, liebe Anne,
      vielen Dank für eure klugen und spannenden Kommentare. Es ist sehr interessant in ihnen gespiegelt zu bekommen, wie ausgesprochen bedeutsam jede unserer individuellen Erfahrungen für unsere Sicht auf die Dinge und auch ihre Bewertung ist! Meine eigene Herangehensweise an das Thema Buch in Kinderhänden ist vielleicht eher der von Susanne geschilderten Mentalität nahe. Auch ich habe inzwischen jedoch gelernt, dass Bücher – in welcher Hand auch immer – Gebrauchsgegenstände sind und kann die Spuren, die sich im Lauf ihrer Dauer in ihnen sammeln als Zeugnisse ihrers Gebrauchs und ihrer Geschichte sehr schätzen. Umso spanneder fand ich es, den Blick einer mit Fragen des Sicherheitsmanagements vertrauten Ingenieurin geschildert zu bekommen! Mit Sicherheit hast du Recht, liebe Anne und oft genug kommt es dümmer, als man denkt. Angst ist wohl trotzdem kein guter Ratgeber – Achtsamkeit aber schon! Meine Taschenkalender haben übrigens alle abgerundete Ecken! 😉 …und das Pappebuch „Landtiere“ auch.
      Ich sende euch herzliche und sonnige Grüße nach Berlin!
      Eure Nina

      Antwort

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