Gerade unter bibliophilen Menschen ist die Frage, ob man in Bücher malen oder schreiben darf, oft eine empfindliche. Auch ich habe damit Schwierigkeiten.

Bei Büchern, mit welchen ich arbeite, finde ich es inzwischen nicht mehr problematisch, mir Anstreichungen zu machen und Anmerkungen in die Marginalien zu schreiben (irgendwie sind sie ja schließlich auch genau dazu da). Als (Kunst-)Historikerin schätze ich den Wert, den die Spuren mancher Vorbesitzer eines Buches haben. Sie erzählen oft viel über den/die Besitzer, geben Auskunft über Provenienzen, Bildungskanon, Nutzungsverhalten, die Bedeutung des Buches in persönlichen, gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen. Kurz: sie sind hoch spannende und oft ertragreiche Untersuchungsobjekte. Auch macht es mir tatsächlich riesigen Spaß, die Handschriften längst vergangener Menschen und Zeiten zu entziffern.

Bei den Bilderbüchern meiner Tochter fühlt es sich dennoch manchmal etwas anders an. Ich denke dann gelegentlich solche Sachen wie: Was, wenn ihr in ein paar Monaten nicht mehr gefällt, was sie heute hineinmalt? Was, wenn das Buch später einer anderen Generation vererbt wird oder in die Verlagsbibliothek übergeht? Im nächsten Moment denke ich wiederum, das sei doch alles Quatsch. Immerhin ist es in diesem Moment ihr Buch und so viel Freiheit möchte ich ihr doch geben, dass sie ihre Sachen selbst gestalten kann und auf ihre Weise benutzen kann. Bei anderen Dingen bin ich ja auch weit weniger zimperlich. Warum also soll sie bei Büchern für mich einen Unterschied machen? Meist versuche ich trotzdem ihr zu erklären, warum ich das nicht machen würde. Ich werde ihr aber nicht den Stift aus der Hand nehmen. Wenn es in ihrem Regal steht, ist es ihr Buch.

Ich erzähle euch das, weil ich inzwischen schon mehrmals mit der Frage bzw. dem Gedanken konfrontiert wurde, man könnte die Bilder in unserem Landtierebuch von Susanne Haun und Gerd Knappe ja auch von den Kindern ausmalen lassen.
Im ersten Moment erschien mir der Gedanke absurd. Ich würde auch heute nicht auf die Idee kommen, einem Kind vorzuschlagen, die Bilder auszumalen. Jedes der Bilder von Susanne Haun ist ein in sich abgeschlossenes und stimmiges Kunstwerk. Das Landtierebuch ist auch eigentlich kein pädagogisches Mittel, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Bildkunst und Poesie für Kinder und Erwachsene. Auch weiß ich, wie wichtig die weißen Flächen in den Bildern Susanne Hauns sind, weil es die Linien sind, aus welchen so viele ihrer Bilder ihr Leben beziehen und die brauchen Raum sich zu entfalten!
ABER: Wenn nun ein Kind von sich aus auf die Idee kommt, im Landtierebuch zu malen? Dann ist das wohl einfach sein Weg, sich die Bilder, das Schriftbild, das Buch anzueignen. Dann erzählt das etwas darüber, was das Buch dem Kind bedeutet und wie es das Buch wahrnimmt. Und das, muss ich sagen, ist – bei aller bibliophilen Verklemmtheit meinerseits – doch ziemlich cool!

In Büchern malen und schreiben – darf man das? Die Landtiere als Ausmalbuch?
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5 Gedanken zu „In Büchern malen und schreiben – darf man das? Die Landtiere als Ausmalbuch?

  • 28. Januar 2018 bei 15:00
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    Liebe Nina,
    ich male und schreibe gnadenlos in meine kunsthistorischen Bücher, denn ich habe sie doch für MICH gekauft, um MEIN Wissen zu erweitern, mir interessante Stellen zu merken und um meine Hausarbeiten mit ihrer Hilfe zu schreiben.
    Manchmal eigne ich mir auch andere Bücher an, drucke oder male darüber.
    Mit dem Weitergeben habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Meine gesamten Mädchenbücher hat meine Nichte bekommen, die kein großes Interesse daran hatte. Auch Julian war nicht für meine Märchenbücher zu begeistern, irgendwann sind sie nicht mehr zeitgemäß und historisch zu sehen.
    So geht Wissen verloren (wie das Wissen um die Mythologien).
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag von Susanne

    Antwort
    • 28. Januar 2018 bei 17:40
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      Liebe Susanne,
      vielen Dank für deine Gedanken hierzu! Ich meine, du hast zu diesem Thema auch selbst schon einmal auf deinem Blog geschrieben, oder?
      Das Vererben und Weitergeben von Büchern hat eine lange Tradition in unserer Familie und spielt eine entsprechend große Rolle für mich. Viele unserer (Pappe-)Bücher hatte mindestens ich zuerst, wenn nicht sogar meine Mama und Tante schon vor mir. Nach mir kamen meine Schwester, ein Cousin und meine Tochter und die Bücher sind immer noch gut und warten auf neue Kinderaugen. Neulich habe ich festgestellt, dass meine Ausgabe von „Alice im Wunderland“ – die auch schon einen ähnlichen Weg wie die Pappebücher gegangen ist – im Geburtsjahr meiner Mama gedruckt wurde. Da war ich sicher nicht die erste Besitzerin und meine Ausgabe von „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes trägt eine Widmung an meine jugendliche Oma. Ich liebe diese Bücher gerade wegen ihrer (familien-)geschichtlichen Konnotation. Sie ist für mich nicht wegzudenken.
      Herzliche Grüße sende ich euch!
      Nina

      Antwort
      • 29. Januar 2018 bei 19:49
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        Liebe Nina,
        es war für mich auch eine große Enttäuschung, dass die Bücherschätze meiner Kindheit nicht weiter in der Familie blieben.
        Ich glaube, dass ist auch ein Grund, warum ich meine jetzigen Bücher „benutze“, ganz so, wie es mir gefällt.
        Wenn wir uns das nächste mal „real“ treffen, las uns bitte über das Thema sprechen. Mir geht da seit einem Jahr schon etwas durch den Kopf.
        Liebe Grüße sendet dir Susanne

        Antwort
        • 29. Januar 2018 bei 22:49
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          Liebe Susanne,
          das machen wir! Ich bin am Donnerstag im Wedding, aber da hast du wohl keine Zeit?
          Herzliche Grüße sendet dir
          Nina

          Antwort
          • 31. Januar 2018 bei 6:58
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            Liebe Nina,
            Donnerstag bin ich Vormittags an der Uni, ich schreibe dir eine Mail ……
            bis gleich Susanne

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