Der Eichhörnchenverlag jubiliert, denn seit Kurzem haben wir neue Verstärkung im Team. Die Kunsthistorikerin Meike Lander unterstützt uns in dieser arbeitsreichen Zeit neben ihrem Masterstudium der Kunstgeschichte im globalen Kontext an der FU Berlin als Praktikantin.

Ihren Einstand feiert sie mit einem Unternehmungslust schürenden Bericht von der Friends with Books – Art Book Fair im Hamburger Bahnhof am vergangenen Wochenende.

Liebe Meike, vielen Dank dafür, dass du uns Augen und Ohren geliehen hast und uns nun noch einmal auf die Messe mitnimmst! Dein Hinweis, dass Kunst in Kinderbüchern auf der Messe noch einen Platz hätte, nehmen wir uns sehr zu Herzen! Kommst du dann mit, auf die andere Seite des Standes?!

 

Friends with Books – Art Books Fair im Hamburger Bahnhof

von Meike Lander

 

Vom 19.10. bis zum 21.10.2018 war es wieder so weit: Im Rahmen der Art Book Fair Berlin bezog eine Vielzahl von Ausstellern den Hamburger Bahnhof (Museum für Gegenwart – Berlin) und bot in mehreren Räumen nicht nur alles rund um das zeitgenössische Kunstbuch, sondern auch Diskussionen, Lesungen, Präsentationen, Ausstellungen und Workshops an. Und ich war zum ersten Mal mit von der Partie.

Wer ebenso unwissend ist, wie ich es noch vor wenigen Tagen war, den kläre ich gern mit dem auf, was ich inzwischen gelernt habe: Friends with Books: Art Book Fair Berlin ist eine Messe für Kunst- und Künstlerbücher, die seit 2014 jedes Jahr aufs Neue im Hamburger Bahnhof stattfindet. Auch dieses Jahr waren wieder über 200 international tätige Künstler und Verleger präsent, um Interessierten ihre Verlagsprogramme und Bücher zu präsentieren. Ursprünglich gegründet wurde Friends with Books vor vier Jahren als gemeinnütziges Projekt, um zeitgenössische Künstlerbücher einem größeren Publikum vertraut zu machen. Das bedeutet auch, dass man als Besucher*in keinen Eintritt bezahlen muss und vom Museumspersonal freundlich, aber bestimmt in die entsprechende Halle gelotst wird. Das freut vor allem den studentischen Geldbeutel, in dem ja grundsätzlich hauptsächlich Luft zu finden ist.

Auch der Besuch des öffentlichen Rahmenprogramms ist kostenlos und könnte kaum farbenfroher ausfallen. Von der Gelegenheit, mit Künstlern über ihre neuesten Veröffentlichungen zu diskutieren, über Workshops zur eigenen kreativen Auseinandersetzung mit dem Medium Buch ist alles dabei.

Als ich am Samstagvormittag den Hamburger Bahnhof betrete, bin ich ganz gespannt darauf, was ich wohl gleich zu sehen bekomme. So ganz habe ich noch keine Vorstellung davon, was denn ein Kunst- oder Künstlerbuch von einem Buch über Künstler und Kunst unterscheiden soll und ich bin gespannt darauf zu sehen, was die verschiedenen Verlage präsentieren.

 

Gut besucht. Impression von der „Friends with Books – Art Books Fair“ im Hamburger Bahnhof 2018. Foto (c) Meike Lander.

Das Erste, was ich feststelle: Die Messe ist gut besucht. Selbst an einem Samstag vor 12 Uhr drängeln sich die Leute interessiert an den Tischen vorbei und begutachten die Auslage. Den Rucksack hätte ich besser an der Garderobe abgegeben, denn die Räume sind so vollgestopft mit Menschen und Tischen, dass es sehr schnell ein wenig eng wird. Neben den beiden Räumen, in denen die Verlagsstände sich befinden, gibt es einen kleinen Ausstellungsraum, einen Raum mit einer Malstation für Kinder und Sitzsäcken zum Schmökern der eben eingekauften Schätze, einen Vortragsraum samt Leinwand für Präsentationen sowie einen Raum mit der Möglichkeit, etwas zu essen und zu trinken. Das ist dann doch sehr viel größer als ich angenommen hatte.

 

Charmante Standgestaltung von berlinartbooks. Impression von der „Friends with Books – Art Books Fair“ im Hamburger Bahnhof 2018. Foto (c) Meike Lander.

Neugierig darauf zu lernen, was es mit der Beziehung zwischen Künstler und Buch wohl auf sich hat, besuche ich einen Talk mit dem Künstler Florian Dombois und dem stellvertretenden Direktor der Kunstbibliothek um 14 Uhr. Auch wenn ich mit den Arbeiten des Künstlers nicht vertraut bin, so wirft das Gespräch doch einige interessante Fragen auf. Wie wird ein Buch selbst zum Kunstwerk und enthält nicht einfach nur Kunst in Form von Bildern oder Texten? Oder reicht es bereits, wenn Künstler den Inhalt eines Buches konzipieren, damit man das Ganze als Kunstwerk anerkennt?

Für Dombois müssen sich Linien des Denkens in dem Werk abzeichnen. Ein Künstlerbuch, das ist für ihn der Ausdruck einer künstlerischen Idee, die zwingend eine Buchform erfordert und die sich in keiner anderen Form ausdrücken ließe. Ein Buch hat zudem als Medium bereits eine spezifische Form, die man nicht einfach negieren kann. Man kann sie mutwillig brechen – beispielsweise indem man Impressum und Inhaltsverzeichnis weglässt oder anders umsetzt, Seitenzahlen verdreht oder mit dem Format spielt – aber man muss sie dennoch im Kopf behalten, wenn man die Arbeit an einem Künstlerbuch beginnt.

Auch wenn man erwarten könnte, dass beim Entstehungsprozess eines solchen Künstlerbuches die Entscheidungsgewalt dann zwingend bei dem/der Künstler*in allein liegt und diese*r über jeden Schritt mit Argusaugen wacht und bestimmen kann, so gilt doch festzustellen, dass Künstlerbücher oftmals trotz allem Gruppenprojekte sind. Für Dombois ist es gerade das Miteinander dieser Gruppenarbeit, das spannend ist. Hier nimmt er als Künstler unterschiedliche Rollen ein, diskutiert mit Setzer*innen, Lektor*innen, Grafiker*innen und Verleger*innen, die allesamt an dem Projekt beteiligt sind. Das Problem ist jedoch, dass der Kunstmarkt bekannte Namen favorisiert, d.h. Gruppenprojekte werden unter dem Namen des bekanntesten Mitgliedes (bei Künstlerbüchern eben oftmals der des/der Künstler*in und nicht die Namen der Grafiker*innen oder der Verleger*innen) vermarktet. Einige Künstlerbücher umgehen dies, indem sie sich sogleich als Galerieprojekt vermarkten, um den Gemeinschaftscharakter zu betonen und zu zeigen, dass ein sozialer Raum künstlerischen Ausdrucks hinter dem vermarkteten Namen steht.

Dombois erzählt, dass er besonders schätzt, dass Bücher offene Räume ermöglichen können, sei es, dass sie diese in sich selbst bieten oder sie in Textpassagen beschreiben. Und auch, wenn Künstlerbücher oftmals ein eher kleineres Publikum ansprechen, so haben sie doch eine verhältnismäßig große Reichweite, was das Vermitteln von Ideen angeht, denn sie können verliehen und weitergegeben werden und so ihren Inhalt einer Vielzahl von Interessierten zugänglich machen.

 

Vielfältige Auslage beim Merve Verlag Berlin. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Was mich neben der schieren Vielfalt an ausgestellten Büchern und Programmpunkten besonders begeistert, ist, wie unterschiedlich der Zugang zu dem Schnittpunkt von Kunst und Buch doch ausfallen kann. Es gab Verlage, die Bücher über bereits etablierte Künstler*innen und ihre Theorien verlegten – solche, die ihre Bücher als Kunstwerke begriffen, die von Künstler*innen oder Künstlergruppen gestaltet wurden – solche, die mit ihren Veröffentlichungen dazu beizutragen hoffen, junge und noch nicht etablierte Künstler*innen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und sogar Aussteller, die das Buch wortwörtlich als Kunstwerk begriffen und es als Ausgangsmaterial für ihre Werke nutzten. Zudem war erfreulich, wie entgegenkommend und gesprächsbereit die einzelnen Vertreter*innen hinter den Tischen waren. Ob man sich über die gegenwärtige Auslage informieren, über ein Buch diskutieren oder Fragen zu bestimmten Themen stellen wollte, überall entstanden kleinere Diskussionen und Unterhaltungen zwischen Besucher*innen und Standbesitzer*innen.

 

Auslage des Verlags The Paper Channel und Moriel Briller. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Nachdem also die anfängliche Schüchternheit überwunden war, wagte ich mich selbst vor und kam am Stand von The Paper Channel, einem Verlag mit Sitz in Tel Aviv, ein wenig ins Gespräch mit Moriel Briller, deren Werke ihr in den Fotos bewundern könnt. Sie hat das Straßenbuch-Projekt ins Leben gerufen: Überall in Berlin finden sich alte Bücher zur kostenlosen Mitnahme, manche in Hauseingängen deponiert, andere in U-Bahnstationen oder mitten auf der Straße in staubige Kartons gestopft. Moriel nimmt diese weit gereisten und alten Bücher mit und gibt ihnen eine neue Identität als cleveres Kunstwerk. Sie faltet die Seiten, sodass sich ein Symbol oder ein Wort ergibt, das zumeist auf den entsprechenden Buchinhalt abgestimmt ist. Um sie selbst zu zitieren: „Durch das Falten werden die Straßenbücher recycelt und bekommen eine neue Bedeutung – eine, die im Herzen der Menschen nachhallt.“

 

Buchskulptur von Moriel Briller. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Was mich an ihren Arbeiten besonders begeistert, ist, dass die Bücher dabei nicht zerstört werden, wie es bspw. beim Book Carving (also dem Schnitzen von Büchern) der Fall ist. Selbst nachdem Moriel ihre Buchseitenskulpturen gefaltet hat, sind die Bücher noch immer lesbar. Man kann sie quasi von ihrem Zustand als Kunstwerk zurück zum ursprünglichen Zustand als Buch bringen und umgekehrt.

 

Buchskulpturen von Moriel Briller. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Wer nun neugierig geworden ist und sich bereits verflucht, dass er zu spät von der Friends with Books erfahren hat, um sich Moriels Werke noch vor Ort anzuschauen – keine Sorge. Die Künstlerin ist in Berlin ansässig und stellt ihre Werke auch im SimplyMake Studio am Maybachufer 14 aus. In regelmäßigen Abständen gibt sie sogar Workshops, sodass man selbst zur Buchfalter*in werden kann.

Ich habe letzten Endes zwar keines von Moriels Werken mit nach Hause genommen, mich aber über zwei Neuanschaffungen zu Messepreisen freuen können.

Eine Sache ist mir allerdings doch aufgefallen, als ich über die Art Book Fair geschlendert bin: Einen Verlag, der die Kunst ins Kinderbuch bringt, den habe ich dort nirgends entdecken können. Und das, obwohl man sich ansonsten so darum bemüht, auch Programmpunkte für das junge Publikum zu schaffen. Vielleicht kann der Eichhörnchenverlag diesem Mangel ja in absehbarer Zeit einmal Abhilfe verschaffen.

Friends with Books – eine Nachlese
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Ein Gedanke zu „Friends with Books – eine Nachlese

  • 28. Oktober 2018 bei 7:01
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    Liebe Meike, liebe Nina,
    Ich freue mich über eure Zusammenarbeit. Der Bericht über die Messe gefällt mir auch sehr. Ja, es ist eine entscheidende Frage, was macht ein Künstlerbuch aus?
    Ich bin gespannt, was ihr beide noch alles zuwege bringt,
    Liebe Grüße von Susanne

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