Im KunstSalon von Susanne Haun wurde ich letzte Woche gefragt, was wichtiger sei im Landtierebuch, die Texte oder die Bilder. Die fragende Gästin fühlte sich offenbar selbst besonders in der Musik zu Hause und so kamen wir schnell darauf, dass es solche Rangfragen und Wettstreite zwischen allen Künsten immer wieder zu geben scheint. In der Kunstgeschichte ist da besonders der, schon in antiker Literatur (Historia naturalis von Plinius d. Ä.) behandelte und in der frühen Neuzeit weiter kultivierte, Paragone der Schlüsselbegriff für einen Wett- oder Rangstreit zwischen den Künsten, in Bezug auf das Verhältnis der bildenden Künste untereinander – besonders der Malerei und Bildhauerei – und auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen den bildenden Künsten und den artes liberales. Ich kann hierzu nur immer wieder die wunderbare Wagenbachübersetzung der Proemien der Vite Giorgio Vasaris* empfehlen. In Bezug auf den Paragone zwischen der Malerei, Bildhauerei und Architektur zieht Vasari den versöhnlichen Schluss, dass alle drei den gleichen Vater, nämlich den Disegno zur Wurzel hätten und daher auch gleichwertig seien.
Ich habe die Vite Vasaris schon während meines Abiturs gelesen und vielleicht haben sie mich geprägt, denn ich vertrete grundsätzlich einen ähnlich egalitären Standpunkt in Bezug auf alle Kunstformen, wie Vasari ihn mit seinem Disegno-Begriff für die drei bildenden Künste (Malerei, Bildhauerei und Architektur) schafft. Ich glaube nicht, dass irgendeine Kunstform mehr wert oder wichtiger sei als eine andere. Ich weiß aber auch, dass ich persönlich zu einigen Formen leichter Zugang finde, als zu anderen. So fällt es mir zum Beispiel leichter über Susanne Hauns Bilder nachzudenken und auch zu schreiben als über Gerd Knappes Texte. Manchmal fehlen mir auch schlicht die passenden Begriffe, um meine Gedanken in Bezug auf bestimmte Texte präzise auszudrücken. Auf diesem Blog aber entsteht so ein Ungleichgewicht, dem ich mit der neuen Rubrik Zeit für Zeilen ein Gegengewicht geben möchte. Hier werde ich besondere Texte und Textpassagen aus dem Hause Eichhörnchenverlag und anderswo vorstellen und auch einige meiner Gedanken zu diesen formulieren. Den Anfang macht natürlich ein Text von Gerd Knappe, genauer die vorletzte Zeile aus dem Bilderbuch Landtiere.

Kann man nicht zwingen

„Kann man nicht zwingen“ ist der vorletzte Satz auf der letzten Seite des Bilderbuchs Landtiere. Der ganzen Strophe auf dieser Seite ist nebenstehend das Bild eines Pferdes sowie zweier Menschen/Bauersleute zugeordnet.

Der vollständige Textentwurf Gerd Knappes zum Thema Pferd umfasste ursprünglich vier Strophen von je vier bis sechzehn Versen Länge. Gekürzt wurde in Absprache mit dem Autor, um den textlichen Umfang der Landtiere so zu gestalten, dass er auch für Babys und Kleinkinder voll erfahrbar und erinnerbar bleibt.

Einen lyrischen Text zu kürzen ist keine leichte und auch keine sehr angenehme Aufgabe. Sie beinhaltet auch immer eine Frage nach Deutungshoheit. Ist der Autor/Künstler Herr über sein Werk? Wessen Aufgabe ist es zu interpretieren, zu präsentieren und zu vermitteln? Was und wie gekürzt wird, folgt dann auch vielen verschiedenen Kriterien, die hier nicht alle ausgebreitet, aber doch kurz erwähnt werden sollen.

„Pferd“ 2. Strophe (c) Gerd Knappe. Landtiere. 2017, S. 19.

Ein Vers, dessen Kürzung bzw. Streichung nie zur Debatte stand, war „Kann man nicht zwingen“. Er gibt einer persönlichen Überzeugung Ausdruck, nach welcher die Grundlage jeden Miteinanders der achtsame Umgang miteinander sein sollte, nach welcher die Akzeptanz der Andersartigkeit eines Gegenübers die Basis jedes Gesprächs ist und nach welcher im Zweifel auch ausgehalten werden muss, wenn einmal kein Konsens, keine Einigung erzielt werden kann. Achtsamkeit, wie sie hier beschrieben ist, ist auch Teil dessen, was bei einer Vorlesesituation mit Kindern entstehen kann. Unter anderem deshalb ist der genannte Vers ein Höhepunkt des Buches.
Er ist aber auch, wenn man eher auf der sprachstrukturellen Ebene schaut, der entscheidende Wendepunkt des Gedichts und besonders dieser Strophe. Bis dahin sind die Verse der Strophe nach dem wiederkehrenden Schema

„Kann man“ + Aktion

aufgebaut. Das Pferd ist dabei stets passiv. Etwas wird mit ihm getan, wodurch es gleichzeitig eine Anzahl an Attributen erhält und definiert wird (z. B. reitbar). Dem gegenüber gibt es ein nicht näher beschriebenes (menschliches) Pendant als aktiven Part (Akteur). Mit dem fünften Vers der Strophe sehe ich das Schema langsam aufbrechen. „Seine Freude an etwas haben“ das kann man auch aus der Ferne und sogar unbemerkt, zum Beispiel als stiller Beobachter. Es ist nicht zwingend ein Eingriff in die Freiheit des Pferdes. Der auch strukturell wunderschöne Vers 6 (Kann man wenn man kann) führt darauf den ersten deutlichen Zweifel an der, durch die stete Wiederholung des „Kann man“ postulierten, Potenz des Akteurs ein, aber erst Vers 7 bricht sie vollständig auf. Das bisher verfolgte Schema

„Kann man“ + Aktion

wird von einer Negation gebrochen, die zum Dreh- und Angelpunkt des ganzen Gedichts wird und auch erst den Weg zum versöhnlichen Vers 8, dem Abschlussvers ebnet.

Kann man nicht zwingen
„Kann man“ + Negation + Aktion

Der letzte Vers des Gedichts wechselt darauf konsequenterweise die Perspektive und beschreibt das Wesen des Pferdes wieder vom Pferd her und nicht aus einer Außenperspektive heraus. Damit schließt er auch den Bogen zur ersten Strophe (Die auf der vorangehenden Seite bei einem anderen Pferdebild steht und dem*der Leser*in folglich eigentlich bereits bekannt ist.), welche ebenfalls auf „zum Laufen geboren“ endet und vollständig der pferdenahen Perspektive folgt.
Zwischen den Versen 6 und 7 gab es ursprünglich übrigens noch einen anderen Vers:

„Kann man wenn man kann
[Kann man schlachten]
Kann man nicht zwingen“

Ich finde, auch in diesem Vers liegt viel Wahrheit. Man kann ihn gut auf die gelegentliche Unmöglichkeit Konflikte aufzulösen beziehen, die sich in manchen Begegnungen und Beziehungen ergeben kann. Auch ist er ein sehr deutliches Signal für die dramatische Zuspitzung, die sich in diesem Abschnitt des Gedichts ereignet, um gleich darauf aufgelöst zu werden. Es liegt aber offenkundig auch viel Brutalität darin. Vielleicht ist der*die ein oder andere ganz froh, die Gute-Nacht-Geschichte nicht mit einer Erklärung des Wortes „schlachten“ abschließen zu müssen?

Zum Abschluss noch dies: Meine kleine Testhörerin hat sehr schnell gespürt, dass es mit dem Satz „Kann man nicht zwingen“ eine besondere Bewandtnis hat und dass er sich eben nicht allein auf das Pferd, sondern auch auf sie bezieht. „Man kann mich nicht zwingen!“ darf von mir aus gern bei ihr hängen bleiben. Jedoch, natürlich stimmt das nicht. Eigentlich heißt es „Man darf mich nicht zwingen!“. Die Macht zum Zwang haben wir Erwachsenen nämlich doch über unsere Kinder. Es ist gut, wenn uns ein Bilderbuch gelegentlich daran erinnert, dass es eine Macht ist, die uns vor allem dann stärkt, wenn wir sie nicht gebrauchen.

 

*Vasari, Giorgio: Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Eine Einführung in die Lebensbeschreibungen berühmter Künstler. Neu übersetzt und kommentiert. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2004.

 

Zeit für Zeilen – „Kann man nicht zwingen“
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3 Gedanken zu „Zeit für Zeilen – „Kann man nicht zwingen“

  • 24. November 2017 bei 10:59
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    Danke, Nina, ein sehr fundierter Beitrag, der mich dem Text noch näher gebracht hat.
    Ich freue mich sehr, dass deine kleine Testhörerin gelernt hat, dass sie nicht gezwungen werden darf.
    Liebe Grüße aus dem sonnigen Berlin, Susanne

    Antwort
    • 24. November 2017 bei 11:42
      Permalink

      Danke, liebe Susanne. Früher fielen mir Textanalysen sehr viel leichter als heute. Leider ist mir da viel verloren gegangen. Trotzdem finde ich, es lohnt sich sehr. Es ist wie mit einer ausführlichen Bildbeschreibung. Zuerst hat man wenig Lust dazu, aber man sieht einfach genauer hin und mit jeder Beschreibung die man findet, erschließt sich auch etwas mehr des Inhalts, wird greifbarer und verständlicher. 🙂
      Hab ein wunderbares Wochenende.
      Nina

      Antwort
      • 29. November 2017 bei 13:01
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        Da hast du recht, liebe Nina.
        Erfahrung und immer am Ball bleiben helfen, dass einem Dinge leichter von der Hand gehen.
        Liebe Grüße von Susanne

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