Als Praktikantin im Eichhörnchenverlag hat Katharina Schulze derzeit Einblick in all unsere laufenden und in Planung befindlichen Projekte und Aufgaben. Dabei ist sie – ohne das hier zu viel verraten werden soll! – auch auf Monster gestoßen und hat sie zum Anlass genommen, folgenden hochspannenden Text zu schreiben. Viel Spaß!

 

 

von Katharina Schulze

 

Monster haben Hochkonjunktur, sowohl in der Literatur für Erwachsene als auch in der Jugend- und Kinderliteratur. Bereits in älteren Klassikern wie „Peter Pan“ oder „Alice im Wunderland“ begegnen uns allerhand zauberhafte Gestalten.

Ungefähr seit den 1960-er Jahren haben sich Monsterdarstellungen gewandelt und Einzug in die Kinderliteratur gehalten. Sie sind nicht mehr alleinig Platzhalter für Ängste, sondern agieren als freundliche Gestalten, die gar nicht so monströs sind. Was aber ist eigentlich ein Monster und wieso sind Monster und andere Phantasiegestalten in der Kinderliteratur so wichtig?

Die Definition eines Monsters ist nicht leicht und unterliegt stets einem gesellschaftlichen und historischen Wandel. Es stellt eine Abweichung der Norm dar und ist damit je nach gesellschaftlicher oder sozialer Gruppe unterschiedlich und verhandelbar. Was als Monster gekennzeichnet ist, macht somit auch immer deutlich, was als normal angesehen wird. Dass Monster gruselig sein müssen ist keine feststehende Größe. Im Mittelalter waren Monster durch ihre Andersartigkeit definiert, nicht dadurch, dass sie gruselig oder gefährlich waren. Auch wie ein Monster wahrgenommen und bewertet wird, hat sich immer wieder verändert und ist so vielfältig wie seine Erscheinungsformen. Es kann als Verbund mit dem Teufel, von Gott berührt, oder als Zeichenbringer gedeutet werden. Gerade außerhalb Europas wurden Monster als Mischwesen auch als besonders eng verbunden mit der anderen Welt angesehen. In der Literatur des  19. und 20. Jahrhunderts können Gestalten wie „Frankensteins Monster“ Kritik am menschlichen Größenwahn symbolisieren.
Auch in Kinderbüchern wird erforscht, was ein Monster ausmacht und wie es aussieht. Das Buch „Prima, Monster!“ geht zum Beispiel dieser Frage nach. Eben weil ihre Erscheinung so wenig festgelegt ist und viel Raum für Gestaltung lässt, eignen sich Monster optimal für Darstellungen in Kinderbüchern. Durch die Vielfalt der Formen und Farben sind sie bereits für die Kleinsten gut erfahrbar.

Wie bei Horrorfilmen ist die leichte Angst beim Lesen und Betrachten eines Buches über Monster Teil des Spaßes. Hier wird auch von thrill oder Angstlust gesprochen. Egal ob das Monster nun tatsächlich böse ist oder nicht, der Angst wird auf den Grund gegangen, ihr begegnet und ein Weg gefunden mit ihr umzugehen oder sie zu besiegen. Reale Ängste werden wahrgenommen. Sie existieren, müssen einen aber nicht hindern, sondern können einen weiterbringen. Auch werden diffuse Ängste durch den Körper des Monsters sichtbar, bekommen eine Begrenzung und sind so leichter zu betrachten. Ebenso kann es sein, dass man hinter die Fassade seiner Angst blickt, diese hinterfragt und dabei feststellt, dass das vermeintliche Monster gar keines ist. In „Der Raggeahase Boooo und die rosa Monsterkrabbe“ haben alle Tiere im Wald Angst vor der rosa Monsterkrabbe, die auf dem Weg in ihren Wald ist, ohne sie zu kennen. Reggaehase Boooo macht sich also auf den Weg, um die Krabbe kennenzulernen und stellt fest, dass diese überhaupt nicht böse und gefährlich ist.

Auswahl „Monsterbücher“ aus der Verlagsbibliothek. Zeichnung „Faunus“ (c) von Maike Schuchardt.

Eine weitere wichtige Rolle von Monstern in der Literatur ist, dass sie eine andere Welt, ein anderes Aussehen, eine andere Realität bieten und somit Ausdruck von Sehnsüchten sind und die Phantasie unterstützen. Unliebsame Regeln und Erfahrungen wie ins Bett gehen, waschen, über den Kopf entscheiden gelten für Monster nicht. Sie erscheinen oft wild und unbeherrscht, wobei die Gradwanderung zwischen Wildheit und Gefahr einen Teil der Spannung ausmacht. In vielen Geschichten finden sich durchaus bekannte Anknüpfungspunkte an die Lebensrealität von Kindern. Sie sind dann aber in der Welt der Monster umgekehrt und weisen andere Details auf. In „Die Schule der kleinen Vampire“ gehen die Vampirkinder jeden Tag in die Schule, um zu richtigen Blutsaugern zu werden. Allerdings startet die Schule erst im Alter von 60 bis 70 Jahren. Und obwohl es in „Die kleine Hexe feiert Weihnachten“ ein ziemlich traditionelles Fest mit Keksen und Weihnachtsbaum gibt, sind die Gäste doch anders als gewöhnlich. Sie kommen nämlich in Form von Geier-, Bärenhexe und gar Weihnachtshexe daher. Geschichten, in denen sich die Kinder selbst in Monster verwandeln, gehen noch einen Schritt weiter, denn hier erleben die Kinder die Abenteuer nicht als Zuschauer, Gäste oder in der Konfrontation mit dem Monster, sondern durchleben sie selbst. Ein klassisches Beispiel für solch eine Verwandlung ist „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Durch das Aufzeigen anderer Realitäten stellen die Monster und ihre Lebensorte zudem auch bestehende Systeme in Frage. Regeln und Machtverhältnisse können völlig verändert oder umgekehrt erscheinen und machen so deutlich, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.

 

Liste der erwähnten Bücher:

Barrie, James Matthew: Peter und Wendy, Illustratorin: Attwell, Mabel Lucie 1911, 1921.

Carroll, Lewis: Alice im Wunderland, Illustrator: Tenniel, John, 1865.

Shelley, Mary: Frankenstein, 1818 erstmals anonym.

Heitz, Markus: Prima, Monster!, Illustratorin: Tourlonias, Joelle, Baumhaus Verlag 2012.

Strohschneider, Jens: Der Reggaehase Boooo und die rosa Monsterkrabbe, Illustrator: Rusinek, Lukasz, Verlag Volandt und Quist 2013.

Niebisch, Jackie: Die Schule der kleinen Vampire. Die Prüfung, Ravensburger Buchverlag 1998.

Baeten, Lieve: Die kleine Hexe feiert Weihnachten, Illustratorin: Baeten, Lieve, Oetinger Verlag 1996.

Sendak, Maurice: Wo die wilden Kerle wohnen, Illustrator: Sendak, Maurice, Harper and Row 1963.

 

Sekundärliteratur:

Tollkötter, Anna: „Kinder brauchen Monster“. Lustvolles Gruseln im Bilderbuch, 2012. Online im Internet: URL: http://www.deutschlandfunk.de/kinder-brauchen-monster.1202.de.html?dram:article_id=228152

Hoydis, Julia: Horror- und Gruselliteratur: Unheimlicher Nervenkitzel. Online im Internet: URL: http://www.boysandbooks.de/fileadmin/templates/images/PDF/Erzaehlmuster_Horror_und_Gruselliteratur.pdf

Dettmar, Ute: Angst: Lust und Schrecken in der Kinder- und Jugendliteratur. Online im Internet: URL: http://www.kids-media.uzh.ch/dam/jcr:00000000-7a61-1c98-ffff-ffffa6e183a9/dettmardefinitiv.pdf

Monster in Kinderbüchern
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5 Gedanken zu „Monster in Kinderbüchern

  • 9. Juni 2017 bei 17:22
    Permalink

    Danke für die gar nicht so gruselige Monsterbeschreibung.
    Ich denke gerade an Mary Shelly und ihren Frankenstein und die Adams Family. Auch alles so gar keine richtigen Monster – eigentlich nur arme oder lustige Menschen.

    Antwort
    • 13. Juni 2017 bei 11:27
      Permalink

      Danke liebe Susanne Haun für die Ergänzung der Addams Family. Ein tolles Beispiel, wie eine andere Realität über „Monster“ aufgezeigt wird.
      Katharina Schulze

      Antwort
      • 13. Juni 2017 bei 20:36
        Permalink

        Ja, ich mag die auch besonders, Katharina. Ich habe sie erst neulich zufällig im Fernsehen gesehen. Einen schönen Abend von Susanne

        Antwort
  • 11. Juni 2017 bei 13:43
    Permalink

    Gerd Knappe

    Randnotiz zum Begriff ‚Monster‘

    Könnte Monster nicht etwas sein, das sich zwischen natürlichem und menschlichem,
    sich in der Welt und ihren Zwischen- und Außenräumen, hin und her bewegen kann?

    Etwas unfassbares, etwas das einem anderen erscheinen, sich in ein Anderes begeben,
    in einem anderen verweilen, verlocken, verwandeln,
    sich wieder loslösen, wegbringen, entfernen kann,
    etwas, da ihm hilflos gegenüber,
    eine beunruhigende Wirkung auf das Menschliche haben
    und ihm bedrohlich erscheinen kann,
    da es seine Sinne übersteigt bzw. unterläuft,
    und es in ihn eintaucht und einwirkt,
    jedoch die menschliche Wahrnehmung nicht hinreicht,
    das Phänomen ganz und gar zu erfahren,
    zu verorten, zu erfassen, zu beschreiben,
    von ihm verwandelt, verwendet, verwertet werden kann.

    Eine Erscheinung, Zwischenstadium, vielleicht Zustand,
    den ein Mensch erahnen, verspüren, erleben,
    aber nicht Gestalt geben kann und sollte,
    da Monster nur im uranfänglichem erfahren
    zum Beispiel einer Wandlung existieren kann.

    Aus einem Nichts zwischen den Dingen,
    eine Leere aus der alles entstehen kann,
    ein Flimmern, Blenden, Irrlichtern zwischen Existenzen,
    ein Schummer, Schwingen, Sog zwischen Wirklichkeiten
    in die man während seines Werdens wächst.

    Immer ein unberührbares Wesen, ohne Gestalt und Geschlecht,
    jenseits der Ordnung von gut und böse, unbeschreibbar und nicht abzubilden.

    Ist ein Monster der Welt des Menschen erschienen,
    bleibt dem Menschen seine Dimensionen verschlossen.
    Er ahnt nur, dass da etwas war, was ihn bewegte.
    Es erschien aus einem Unbekannten und weicht in jenes zurück.

    Welt ist, was der Mensch auf der Erde in der Natur macht.
    Und der die das ‚Monster‘ ist eines seiner Kreaturen,
    ein Begriff unter dem sich vieles versammelt, was nicht ‚Monster‘ sein kann,
    kindgerecht gemacht, was nicht Monster sein sollte.

    Wenn einem der Ursprung entschwindet,
    muss man sich nicht wundern,
    wenn man weniger versteht,
    wofür Monster steht.

    Könnte das nicht sein?

    Antwort
    • 13. Juni 2017 bei 11:26
      Permalink

      Lieber Gerd Knappe,
      danke für die tolle und sehr ausführliche Randnotiz zum Begriff Monster und den Schilderungen zur Komplexität, die sich mit dem Begriff verbindet. Sie bietet viel Raum für weitere Überlegungen über den Blogartikel hinaus, der einen kleinen Ausschnitt zum Thema Monster in der Literatur darstellen sollte.
      Diesen einen Begriff Monster für eine Vielzahl von Phänomen zu benutzen erscheint oftmals verkürzt und wird ihrer Komplexität nicht gerecht. Gerade weil sie so unfassbar sind gibt es aber wohl auch so viele Versuche, der die das Monster doch sichtbar und somit erfassbarer zu machen.
      Einige der Ausführungen erinnern mich an den Trickster, den ich vor allem aus nordamerikanischen Mythen kenne. Auch er lebt jenseits von Ordnung und Gut und Böse und hat damit Anknüpfungspunkte an die literarische Figur des Monsters.
      Sehr spannend finde ich Ihre Unterteilung zwischen natürlichem und menschlichem, da für mich bereits natürlich ein wandelbarer Begriff ist, den Menschen verschieden prägen können. Den Mensch der Natur gegenüber zusetzen stellt in diesem Zusammenhang einen ganz anderen Denkansatz dar.
      Katharina Schulze

      Antwort

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