Vor gut einem Jahr empfahl mir ein Zauberer aus dem Saal der Wunder The Wind in the Willows* (Der Wind in den Weiden) von Kenneth Grahame als eines seiner liebsten Kinderbücher.

Ich kannte diesen Kinderbuchklassiker noch nicht, jetzt aber habe ich ihn gelesen und dabei viel Freude gehabt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Erzählung in Kapitel 7 The Piper at the Gates of Dawn (Der Pfeifer am Tor der Dämmerung). Geschildert wird eine Begegnung der beiden Hauptcharaktere Rat (Ratte, Wasserratte) und Mole (Maulwurf) mit dem aus der griechischen Mythologie entliehenen Gott Pan (hier geht’s zum Wikipediaartikel). Angelockt vom lieblichen Flötenspiel des Pan treffen Rat und Mole in einem trance- oder traumartigen Zustand auf den Gott. Zu seinen Füßen schlafend finden sie ein, schon seit mehreren Tagen vermisstes und von den Freunden gesuchtes, Otterkind wieder. Die Begegnung erfüllt die Tiere mit widersprüchlichen Gefühlen. Einerseits fühlen sie sich geborgen und sicher, angefüllt von Wohlgefühl und Freude, andererseits packt sie panische** Angst.

Die Beschreibung des Pan in The Wind in the Willows, wie auch des Eindrucks, den er auf die Tiere macht, ist bemerkenswert. Sie verzichtet vollständig auf die sexuelle und erotisch-liebesbezogene Konnotation, die Darstellungen des Pan in der Regel mit sich bringen und inszeniert ihn ausschließlich als Waldgott mit Hirtencharakter und Schutzfunktion. Dem Gott werden mit diesem Kniff einige seiner Bedeutungsebenen und sicherlich auch Teile seiner Geschichten genommen, ich habe es aber gerade deshalb als eine sehr angenehme und auch erhellende Betrachtung der Figur empfunden, weil sie sich auf die sonst wenig beachtete Perspektive des tierischen Lebens bezieht und eher seinen Waldgeistcharakter herausstreicht. Dem Buch gelingt es hier – wie auch an einigen anderen Stellen – sehr schön den Eindruck zu erwecken, mit den Augen der kleinen Tiere stellvertretend für Kinderaugen in die Welt zu blicken und dadurch tatsächlich neue Einblicke und Perspektivwechsel bei den Leser*innen zu ermöglichen.

Beeindruckend ist auch die eindrückliche und wiederkehrende Beschreibung der Ambivalenz der Gefühle und Gedanken von Rat und Mole. Lust und Schmerz, Erregung, Ekstase und Angst liegen so dicht beieinander. Diese Erfahrung ist eine, die sicher die meisten Menschen teilen – auch Kinder. Sie ist zum Beispiel bei jeder neuen Grenze die ausgetestet, ausprobiert wird mit dabei.

Die vielen Ambivalenzen und Bedeutungsebenen, die sich bei der Betrachtung des Gottes Pan ergeben, finden sich in der (mythologischen) Landschaft Arkadien gespiegelt, die ihm als Lebensraum dient. Wer darüber mehr lesen möchte, kann hier nachschauen, wo ich einige Aspekte dieser Landschaft in Bezug auf die gärtnerischen Ambitionen Friedrichs des Großen beleuchtet habe.

Meine bisher liebste Darstellung des Pan in der (bildenden) Kunst ist übrigens die Skulptur Pan tröstet Psyche von Reinhold Begas (Pentelischer Marmor, um 1860) die sich in der Nationalgalerie in Berlin befindet. Auch hier wird Pan weniger wild und sexuell gezeigt (wenngleich diese Aspekte nicht ganz aus dem Bild ausgeschlossen sind), sondern eher als fürsorglich, Schutz und Trost spendend dargestellt und interpretiert. Klare Besuchsempfehlung!

Pan tröstet Psyche. Reinhold Begas, um 1860, Alte Nationalgalerie Berlin.

 

* Grahame, Kenneth: The Wind in the Willows. Wordsworth Editions Limited, Ware 1993.

** Der mit dem Adjektiv panisch beschriebene undeutbare oder irrationale Schrecken wird etymologisch tatsächlich auf die Göttergestalt Pan zurückgeführt. Mehr dazu auf der Duden-Homepage.

Lieblingskinderbücher Nr. 5 – The Wind in the Willows – Begegnung mit Pan

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